Willkommen in der Geisterschlucht

 

Zwei verlorene Tränen im Tennessee. Man erzählt sich, dass das Wasser der Quelle neben der kleinen Kirche Augenbeschwerden heilt…

Verlassene Dörfer, unheimliche Geräusche in der Nacht, entwendete Turnschuhe, die im Wald herumlagen, als wäre jemand damit herumgelaufen, gestohlene Schokolade und gefürchig bizarre Felsformationen: Willkommen in der Tarnschlucht! Zumindest haben sich die Geister das Paradies auf Erden für deren Weiterverbleiben ausgesucht – und die besten Routen können sie dabei auch noch klettern! Die Tarnschlucht gehört zu unseren absoluten Lieblingsgebieten, weshalb wir hier unbedingt zwei, drei Wochen verweilen wollten, trotz der unheimlichen Vorkommnisse.

Die Felsen sind noch hell, obwohl die Sonne schon lange untergegangen ist…

Auf der Fahrt von Gap nach Millau in den Cevennen haben wir noch einen (grossen) Schlenker in die Camargue gemacht, genauer gesagt nach Sainte-Maries-de-la-mer, der Hauptstadt der Camargue, wo weisse Pferde, Reisfelder und Salzgewinnungsseen neben singenden Cabalheros in den spanischen (?!?) Restaurants vorherrschen. Ausgestattet mit camargischen Köstlichkeiten haben wir dann die gottverlassene Gegend in den Cevennen von Alès bis in die Tarnschlucht in Angriff genommen. In der Tarnschlucht erwartete uns zuerst eine Woche bei knapp 30 Grad, wo wir das Klettern nicht selten auf 9 Uhr morgens vorverschieben mussten. Vor ein paar Tagen hat dann doch noch der Herbst Einzug gehalten und mit den sich verfärbenden Bäumen sind auch die perfekten Kletterbedingungen gekommen.

Atemberaubende Felswände in der Tarnschlucht: Die Sektoren “Tennessee” und “Des que fas a qui”

Es muss allerdings darauf aufmerksam gemacht werden, dass etwa 400 der 500 Routen gesperrt sind (alle Routen mit 8mm x 8cm Schraubbolts).  Sektoren wie “Oasif”, “Arc en Ciel” oder “Navire” sind komplett geschlossen. Und mit geschlossen meinen wir auch geschlossen, weil die ersten zwei Plättchen abmontiert wurden. Und wer die Hakenabstände in der Tarn kennt…! Dieser Umstand ist mitunter ein Grund, weshalb wir uns (fast) alleine in der Tarnschlucht befinden, abgesehen von den Kanuten, den Geistern und den Campern mit den dicken Bäuchen.

Das ehemalige Restaurant im Cirque des Baumes.

Die Klettergebiete rund um Millau umfassen die Tarnschlucht, die Gorges de la Jonte und die Gorges de la Dourbie. Rahel und ich haben an einem “Ruhetag” unsere alpinistischen Kenntnisse in einer super Mehrseillängentour in der Jonte wieder aufgefrischt. Was auch einer aktiven Vorbereitung für die Konglomerattürme in Riglos diente. Für alle Mehrseillängenfreaks stellt die Jonte ein Paradies dar – in Augenhöhe mit kreisenden Geiern spult man hier Längen im allerbesten Dolomit.

Die Jonte: Die Heimat der Geier und der Kletterer mit unmengen von Bandschlingen.

Die Ruhetage verbringen wir oft am angenehm kühlen Fluss oder besuchen eines der malerischen Dörfer in der Schlucht, namentlich St. Enimie oder La Malène. Auch für eine Partie Petanque reicht die Zeit noch knapp 😉 !

Pétanque: Der Nationalsport der Franzosen.

Falls uns die Geister noch nicht zu sich geholt haben, melden wir uns in Kürze wieder aus der Tarnschlucht.

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2 Gedanken zu „Willkommen in der Geisterschlucht

  1. Endlich wieder ein Bericht! Ihr scheint es gut zu haben, obwohl oder gerade weil ihr fast allein seid?? Ich wäre wohl eher bei den ….. Campern zu finden. Warum? Nun, das Klettern ist bestimmt sehr anspruchsvoll.

  2. Hallo Ihr zwei Lieben
    Spannend und furchterregend sei Euer Bericht! S’Oberhofä-Grosi (92jährig) betet jeden Abend, fürchtet Euch nicht, die bösen Geister werden Euch in Frieden lassen… – Rahel – Sie vermisst Dich.
    Adrian, wiederum tolle Bilder und spannend geschriebener Text. Wann erscheint das Buch : Die Geisterschlucht…
    Der Altweibersommer hält bei uns immer noch Einzug. Frühmorgens schleichen die Nebelschwaden durch die Gegend, doch bald werden sie von der Sonne verdrängt.
    Der Herbst macht sich definitiv bemerkbar.
    Freue mich auf den nächsten Eintrag.
    Grüessli us Chäsitz

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