Farbenspiel der Elemente auf Sardinien

Für einmal haben wir nicht den gelben Blitz (VW T2) für zwei Wochen gefoltert, sondern den silbernen Pfeil (VW Polo). Mit ebendiesem Pfeil gings anfangs April für zwei Wochen nach Sardinien, die Nuraghi-Insel. Damit wollten wir dem fürchterlichen nordalpinen Wetter der letzten Monate entfliehen. Und tatsächlich – als wir in Porto Torres die Fähre verliessen, haben wir das erste Mal seit Monaten wieder einmal das Licht der Sonne erblicken können. Und so sollte es auch 14 Tage lang bleiben. Vor unserer Ankunft hat es auf Sardinien viel geregnet und so waren wir erstaunt, was uns vor der Windschutzscheibe präsentiert wurde: eine Farbenpracht aus Blumen und saftigen Wiesen. Sogar die Felsen waren farbig.

Mineralerze an der Ostküste.

Der Plan unserer Reise war folgender (und er ähnelt sehr den Plänen aller unserer Reisen): die besten Linien klettern, an den schönsten Orten pennen (diesmal mit Zelt!) und die besten Speisen geniessen. Um dem geschätzten Leser doch etwas zum Festhalten zu bieten (keine Leiste!), gibts Überschriften für die wichtigsten Stopps unseres Rock-Trips.

Doch um für die Ungeduldigen das Fazit vorzuziehen – hier ist es: Die Vielfalt der Kletterei ist einzigartig. Sowohl das Gestein (Tuff, Granit, Kalk, Basalt) als auch die Landschaften (von Küsten bis Hügel bis Berge) lassen keine Wünsche offen. Klettergebiete gibt es keine grossen, die Routenzahl ist jeweils entsprechend begrenzt. Die Kletterei ist technisch immer sehr anspruchsvoll und die Bewertungen – insbesondere bei Plattenrouten- oft recht sec.

San Teodoro

Südlich von Olbia befindet sich ein Osternest aus Granit. Man stelle sich vor: Zwanzig Eier, so gross wie Einfamilienhäuser, die sich auf einem kleinen Hügel umgeben von saftigen Wiesen befinden. Und das beste daran: Sie sind innen hohl! Das war durchaus ein Grund, für einmal unsere Crashpads nicht mehr als Bett, sondern als Mittel zum gedachten Zweck auszubreiten.

Im Innern des Granit-Eies in San Teodoro. Adrian eiert rum…
Eier, so gross wie Einfamlienhäuser. Rahel beim Eisprung.

Die Formen der INNEREIEN (was für ein Wortspiel) liess uns die abgefahrendsten Moves ausprobieren, die man nicht einmal in der Halle erfinden könnte.

An der Eierschale klettern: möglich in San Teodoro.

Unser Boulderehrgeiz hat uns nach dem ersten Tag leider schon wieder im Stich gelassen und so fuhren wir weiter in Richtung Süden nach Cala Gonone.

Cala Gonone und Cala Luna

Cala Gonone ist das Zentrum der sardischen Klettercommunity. Berühmt wurde der Ort insbesondere durch die Klettergärten, die direkt am Strand liegen, namentlich Cala Fuili und Cala Luna. Hier wurde zu beginn der 90er-Jahre das sardische “Beachclimbing” erfunden: Klettern und dann baden an den schönsten Stränden der Welt. Doch zuerst wollten wir sehen, was die Neuzeit so für Sektoren hervorgebracht hat. Da wäre zum Beispiel die Millenium Cave zu erwähnen, die nach etwa 30 Minuten Klettersteig über dem Meer erreicht werden kann. Die Grotte ist gigantisch, ebenso die Kletterei an Sintern und Stalaktiten. Doch seht selbst:

Die Millenium Cave in Cala Gonone. Klein-Rahel unten links!

Die Routenauswahl hält sich allerdings in der Grotte sehr in Grenzen. Wahrscheinlich würde sich der Spitverschleiss für weitere Linien bei dem bescheidenen Publikum (zu schwieriger Zustieg?) nicht lohnen. Am zweiten Tag in Cala Gonone marschierten wir knapp zwei Stunden zur Cala Luna, einem der schönsten Stränden der Welt (das sagen zumindest diverse Hitlisten). Und wir wurden nicht enttäuscht: Zwischen Felsen rechts und links und einem Süsswassersee im Rücken erstreckt sich der kleine Strand, von dem man ins türkisblaue Meer tauchen kann. Ein Paradies auf Erden…!

Die Cala Luna mit den Kletterfelsen rechts.

Die Faulenzerei hat an der Cala Luna obsiegt und wir liessen die Seile und Exen für einmal ruhen. Wer will im Paradies schon Leisten knallen und Löcher stopfen?

Rahel am Strand der Cala Luna.

Jerzu

Vom Traumstrand in Cala Gonone ging es am nächsten Tag in die Ogliastra, ein Gebirgszug im Osten der Insel. Die Klettergebiete befinden sich auf etwa 1000 Metern und so fanden wir perfekte Bedinungen vor, ganz zu Schweigen von der Felsqualität, die sich vor Siurana unc Co. nicht zu verstecken braucht. Der extrem rauhe Kalk ist überzogen von “Konkretionen” (um die Wortwahl des Kletterführers benutzen), was sozusagen angeklebte Steine in der sonst bereits schon durchlöcherten Wand sind. Dazu noch ein paar Sinter und fertig ist der Weltklasse-Fels!

Ulassai ist umgeben von Felsen bester Qualität.
Ulssai
Das Plateau auf der Ogliastra.

Zwei Tage in der Ogliastra genügten uns, um einen ersten Eindruck des Gebietes zu erhalten und wir sind uns sicher: hier werden wir zurückkommen, zumal der gratis Campingplatz in der Nähe einer Kirche vorzüglich ausgestattet ist.

Isili

Das bekannteste Gebiet in Sardinien ist sicherlich Isili. Das Dörfchen befindet sich im Zentrum der Insel und wir hatten die Ehre mit Mario Bekanntschaft zu machen. Mario ist Bürgermeister, Obercarabinieri und Touribüro in einer Person. Und ausserdem ein Fan der Kletterfelsen unten am Fluss.

Der “Pietra Filosofale” in Isili.

Die Kletterei erinnert stark an die Tarnschlucht, nur sind die Routen halb so lang. Leider hat uns der grosse Regen der vergangenen Woche sowie die Hitze einen Strich durch die Rechnung gemacht. Die Löcher der schweren Routen im Sektor Urania waren mit Wasser gefüllt, was uns veranlasst hat, unsere Zelte frühzeitig in Richtung Domusnovas abzubrechen. Apropos Löcher: Im Sektor “Pietra Filosofale” befinden sich Gräber der Nuraghi, ein sardisches Volk aus dem Neolithikum, welches ihre Toten in Höhlen bestattete.

Domusnovas ist der Ort der bekannten Grotta San Giovanni. Eine gut ein Kilometer lange Grotte durch einen Berg, an deren Eingänge sich einige Kletterrouten befinden. Darunter unter anderem die schwerste Route Italiens: Marina Superstar (9a+/9b). Der 15-Minütige Marsch durch die mit Stalaktiten übersähten Grotte (geteert und ausgeleuchtet) wird uns noch lange in Erinnerung bleiben.

Masua und Buggerru

Das sardische Farbenspiel hat in Masua seinen Höhepunkt erreicht. Dort, wo um 1900 Mineralien abgebaut wurden, erstrahlen nicht nur die Blumen und das Meer in allen Farben, sondern auch die Felsen. Auch wir haben wir nur gebadet, obwohl auch einige Routen vorhanden wären.

Der alte Steg bei den Minen von Masua.
Farbenspiel bei den Gesteinen an der Westküste.

Zwangsweise mussten wir in dieser Gegend zwei Tage verbringen, da unser silberner Pfeil den Ritt in einen nahegelegenen Canyon nicht unbeschadet überstanden hatte. Wegen eines abgerissenen Auspuffs mussten wir in Buggerru auf ein Ersatzteil warten. Klar, dass wir die Zeit mit Baden überbrückten.

Wunderbares klares Wasser zum Baden!
Warten…

Nach der Reperatur spürten wir das Feuer in den Fingern und wir fuhren nordwärts nach Monteleone Roccadoria. Das Klettergebiet gehört zu den Neuesten auf Sardinien und wartet mit einigen Besonderheiten auf…

Monteleone Roccadoria

Der Felsriegel thront hoch über einem Stausee. Und das Spezielle daran: Man klettert an mit Kalk überzogenem Tuffgestein. Ja genau! Dieses sauscharfe Zeugs! Entsprechend messerschaft waren die Löcher und Leisten, doch die Aussicht auf den See und die Schönheit der Routen liess uns auf die Zähne beissen… Adrian kletterte mit “Philadelphia” (7c+) eine der schönsten Routen auf der Reise und überhaupt in diesem Grad.

Der Blick auf den See vom Sektor aus gesehen.

Tuff ist bekanntlich ein beliebtes Baumaterial und so kommt es, dass sich quasi im Kletterfelsen drin ein ehemaliger Steinbruch befindet.

Der Steinbruch auf der Rückseite der Kletterrouten.

Und so kommt es auch, dass irgendjemand die Idee hatte im Bruch eine Route zu bohren: “Tetris”. Der Name ist Programm…

Ein französischer Kletterer in “Tetris” (6b+)
Farbenspiel der Blumen…

Casarotto

Unsere letzte Station befand sich in der Nähe von Porto Torres, von wo die Fähre wieder zurück nach Genua schwimmt… oder schaukelt. Das besondere an diesem Klettergarten: Man klettert nur wenige Meter über dem tosenden Meer. Einzigartig!

Der Blick auf die hereinbrechenden Wellen in Casarotto (Capo Cacca).
Die Vielfalt der Gesteine kennt keine Grenzen, was dieser Cubicolith bestätigt ;-).

Und jetzt das Fazit für die richtigen Leser: Sardinien ist eine super Kletterdestination und man könnte aufgrund der zwei, drei Kletterer, die wir getroffen haben, sogar von einem Geheimtipp sprechen.

Wir werden sicherlich wieder zurückfahren!!!

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